Vom Angestelltenjob zur Selbstständigkeit: Wann der Wechsel Sinn macht
Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht habe, meinen Job zu kündigen. Ich saß in einem Meeting, das auch eine E-Mail hätte sein können, und dachte: Das kann doch nicht alles sein. Aber zwischen diesem Gedanken und einer tatsächlichen Veränderung lag ein weiter Weg.
Die Unzufriedenheit mit dem aktuellen Job ist weit verbreitet. Viele Menschen fragen sich irgendwann, ob sie wirklich für den Rest ihres Berufslebens das machen wollen, was sie gerade tun. Manche träumen von Selbstständigkeit, von mehr Flexibilität, von Arbeit, die sich nach dem eigenen Leben richtet statt umgekehrt. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel? Und wann ist es nur eine Flucht vor Problemen, die einen in der Selbstständigkeit genauso einholen werden?
Unzufriedenheit allein ist kein guter Grund
Das klingt vielleicht hart, aber es ist wichtig: Nur weil du in deinem aktuellen Job unglücklich bist, heißt das nicht automatisch, dass Selbstständigkeit die Lösung ist. Viele Menschen wechseln aus Frust, ohne sich vorher ehrlich zu fragen, was genau sie eigentlich stört und ob die Selbstständigkeit dieses Problem löst.
Wenn du deinen Chef nicht ausstehen kannst, wirst du als Selbstständige mit Kunden arbeiten, die du dir zwar aussuchen kannst, die aber auch ihre eigenen Ansprüche und Eigenheiten mitbringen. Wenn du keine Lust auf früh aufstehen hast, wird dir die Selbstständigkeit nicht automatisch erlauben, bis mittags zu schlafen, zumindest nicht am Anfang. Wenn du Struktur brauchst und dich ohne externe Vorgaben schwer motivieren kannst, wird dir die Freiheit der Selbstständigkeit eher zum Verhängnis als zum Vorteil.
Die Frage ist nicht: Will ich weg von meinem jetzigen Job? Die Frage ist: Will ich hin zu dem, was Selbstständigkeit bedeutet?
Was Selbstständigkeit wirklich bedeutet
Selbstständigkeit wird oft romantisiert. Arbeiten wann und wo du willst, eigene Entscheidungen treffen, niemandem Rechenschaft schulden. Das stimmt alles, aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte: Du trägst das volle Risiko. Kein Gehalt, das am Ende des Monats automatisch kommt. Keine bezahlten Urlaubstage. Keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, zumindest nicht ohne zusätzliche Absicherung. Du bist verantwortlich für Akquise, Buchhaltung, Steuern, Kundenbeziehungen und natürlich für die eigentliche Arbeit. Niemand sagt dir, was du tun sollst, aber niemand fängt dich auf, wenn du scheiterst.
Das ist kein Argument gegen Selbstständigkeit. Es ist ein Argument dafür, mit offenen Augen reinzugehen.
Wann der Wechsel Sinn machen kann
Es gibt Situationen, in denen der Schritt in die Selbstständigkeit tatsächlich sinnvoll ist. Zum Beispiel, wenn du eine klare Vorstellung davon hast, was du anbieten willst und wer dafür bezahlen könnte. Wenn du Fähigkeiten mitbringst, die gefragt sind, und bereit bist, sie zu vermarkten. Wenn du finanziell so aufgestellt bist, dass du eine Durststrecke überstehen kannst, ohne in Panik zu geraten.
Es kann auch Sinn machen, wenn deine aktuelle Lebenssituation sich verändert hat und dein Arbeitgeber nicht mitziehen kann oder will. Viele Eltern merken nach der Elternzeit, dass der alte Job nicht mehr zu ihrem neuen Leben passt. Statt sich in eine unbefriedigende Teilzeitstelle abschieben zu lassen, kann Selbstständigkeit eine Alternative sein, die mehr Kontrolle über die eigene Zeit ermöglicht.
Aber auch hier gilt: Der Wunsch nach Flexibilität allein reicht nicht. Du brauchst ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Die Fragen, die du dir stellen solltest
Bevor du kündigst, nimm dir Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme. Was genau stört mich an meiner aktuellen Situation, und würde Selbstständigkeit das lösen? Welche Fähigkeiten habe ich, die andere Menschen brauchen und für die sie bezahlen würden? Wie lange kann ich finanziell überbrücken, wenn am Anfang wenig oder gar kein Geld reinkommt? Wie gehe ich mit Unsicherheit um, und wie viel Struktur brauche ich, um produktiv zu sein?
Wenn du diese Fragen nicht beantworten kannst oder die Antworten dich verunsichern, heißt das nicht, dass Selbstständigkeit nichts für dich ist. Es heißt nur, dass du noch nicht so weit bist. Und das ist in Ordnung. Besser jetzt ehrlich sein als später scheitern.
Der sanfte Übergang
Du musst nicht von heute auf morgen alles hinwerfen. Viele erfolgreiche Selbstständige haben nebenberuflich angefangen, erste Kunden gewonnen, Erfahrungen gesammelt und dann irgendwann den Sprung gewagt, als sie wussten, dass es funktionieren kann.
Das nimmt Druck raus. Du kannst testen, ob dir die Arbeit liegt, ob du Kunden findest, ob dein Angebot funktioniert. Und du behältst ein Sicherheitsnetz, solange du es brauchst. Natürlich ist das anstrengend, Vollzeitjob plus Selbstständigkeit nebenbei. Aber es ist auch ein realistischer Weg, der weniger riskant ist als der kalte Sprung ins Ungewisse.
Fazit
Der Wechsel vom Angestelltenjob in die Selbstständigkeit kann der richtige Schritt sein, aber er sollte kein Fluchtreflex sein. Unzufriedenheit ist ein Warnsignal, das du ernst nehmen solltest, aber kein Businessplan. Wenn du wechseln willst, dann mit klarem Blick auf das, was dich erwartet, mit einem Plan und mit der Bereitschaft, Verantwortung für dich selbst zu übernehmen.
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