Stundensatz berechnen als VA – und aufhören, Geld liegen zu lassen
In Facebook-Gruppen kursieren Angebote für 20 Euro die Stunde. Manchmal sogar weniger. Und weil das alle machen, fühlt es sich irgendwie richtig an. Ist es nicht. Wer seinen Stundensatz als VA nicht selbst berechnet, sondern sich an anderen orientiert, arbeitet am Ende viel und verdient wenig. Genau das wollen wir in dieser Folge von Tschüss 9to5 ändern.
Wir gehen die Rechnung gemeinsam durch – Schritt für Schritt, mit echten Zahlen.
Warum Frauen in der Selbstständigkeit besonders oft zu wenig verlangen
Es gibt einen Grund, warum wir uns in dieser Folge explizit an Frauen wenden. Laut einer Analyse der LMU München verdient der durchschnittliche selbstständige Mann mehr als 100.000 Euro im Jahr. Frauen kommen auf knapp 50.000 Euro – also rund die Hälfte. Das ist kein Zufall. Es liegt zu einem großen Teil daran, dass Frauen ihre Preise zu niedrig ansetzen, weil sie sich nicht trauen, weil sie gerade erst starten, weil sie Angst haben, nicht gebucht zu werden.
Diese Angst können wir streichen. Wir machen hier Business.
Quelle: LMU München, Gender Pay Gap Interview mit Ökonom Moritz Drechsel-Grau
Der häufigste Fehler: Pi mal Daumen statt echter Rechnung
Die meisten, die aus dem Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit starten, haben noch nie über einen Stundensatz nachgedacht. Warum auch – am Ende des Monats kam das Gehalt, fertig. Der Reflex beim Start in die Selbstständigkeit ist dann oft: Was steht so im Internet? Was verlangen die Anderen? Und dann noch ein bisschen runter, weil man ja gerade erst anfängt.
Das Problem: Nach Gefühl ist fast immer falsch. Und wer mit einem zu niedrigen Preis startet, kommt da nicht mehr raus. Bestehende Kunden auf einmal das Dreifache zu verlangen geht nicht. Also muss die Rechnung von Anfang an stimmen.
Stundensatz berechnen als VA – die echte Rechnung
Die Basis ist dein Wunschnetto. Also das, was du wirklich brauchst. Ein Anhaltspunkt kann dein jetziges Netto im Angestelltenverhältnis sein, wenn du damit auskommst.
Auf dieses Netto kommt jetzt eine Menge drauf, was viele nicht einkalkulieren.
Steuern: Als Selbstständige zahlst du Einkommensteuer und je nach Rechtsform auch Gewerbesteuer und auch eventuellen Nachzahlungen aus Vorjahren. Wir empfehlen mindestens 40 Prozent zurückzulegen. Lieber mehr als zu wenig.
Krankenversicherung: Als Selbstständige bist du nicht mehr über den Arbeitgeber versichert. Rechne mit mindestens 350 bis 500 Euro im Monat, je nach Einkommen kann es deutlich mehr werden, und die Kasse rechnet rückwirkend ab.
Altersvorsorge: Die staatliche Rente wird für Selbstständige voraussichtlich bald Pflicht. Aber auch so plane einen Betrag ein, auch wenn er am Anfang klein ist.
Das ergibt deinen Bruttobedarf. Also die Zahl, die du vor Steuern verdienen musst, damit am Ende das rauskommt, was du brauchst.
Abrechenbare Stunden – viel weniger als du denkst
Jetzt kommt der Teil, der die meisten überrascht. Du wirst nie 100 Prozent deiner Arbeitszeit abrechnen können.
Egal, ob Teilzeit oder Vollzeit. Du kannst nicht von deiner reinen Arbeitszeit ausgehen, da nicht alle Zeiten abrechenbar sind. Buchhaltung, Akquise, E-Mails lesen, Social Media, Kunden suchen – das zahlt niemand. Dazu kommen Urlaub und Krankheitstage.
Nimm folgendes als Anhaltspunkt: Von der Zeit, die du tatsächlich arbeiten kannst, zieh ein Drittel ab. Was übrig bleibt, sind deine realistisch abrechenbaren Stunden.
Ein konkretes Beispiel aus der Folge: 40-Stunden-Woche, also 160 Stunden im Monat. Zieh davon ein Drittel ab. Es bleiben etwa 100 abrechenbare Stunden. Wenn dein Bruttobedarf bei rund 4.500 Euro liegt, wären das 45 Euro die Stunde. Und dann steck noch fünf Euro drauf – als Puffer, als kleiner Spielraum.
45 Euro klingt auf den ersten Blick viel mehr als die 20 Euro in der Facebook-Gruppe. Aber: Es ist das, was du wirklich brauchst.
Und bedenke:
Wer billig anfängt, bleibt billig. Der Preis ist auch ein Signal nach außen. Ein zu niedriger Preis sagt nicht „ich bin zugänglich“, sondern „ich zweifle selbst an meinem Wert und Kompetenzen.“
Wer dabei begleitet
Preise festlegen, verteidigen und auch in Gesprächen halten kannst du lernen. Auch Vertriebler bekommen im Angestelltenverhältnis oft ein Coaching, damit es richtig gut klappt. Im 1:1 Mentoring bei OfficeLab ist die Preiskalkulation ein Bestandteil. Für alle, die starten oder die merken, dass ihr Stundensatz einfach nicht stimmt. Schau gerne rein unter officelab.work/mentoring.
Jetzt kommt dein Stundensatz
Schritt 1 – Wunschnetto: Was brauchst du netto im Monat, um gut zu leben? Schreib die Zahl auf.
Schritt 2 – Aufschläge drauf: Steuern (40 Prozent), Krankenversicherung (mindestens 400 Euro), Altersvorsorge (individuell), kleiner Puffer. Das ist dein Bruttobedarf.
Schritt 3 – Abrechenbare Stunden: Wie viele Stunden kannst du pro Woche arbeiten? Mal vier, dann ein Drittel abziehen.
Schritt 4 – Rechnen: Bruttobedarf geteilt durch abrechenbare Stunden. Plus fünf Euro.
Das ist dein Mindeststundensatz. Schreib ihn auf. Und dann schau, ob er dich überrascht.
Du willst uns auf anderen Plattformen abonnieren?




