Ich erinnere mich noch genau an den Moment. Der Erste des Monats. Ich war gerade frisch selbstständig. Und zum ersten Mal in meinem Leben kam kein Gehalt. Kein automatischer Eingang. Keine Lohnabrechnung. Einfach … nichts.
Und obwohl ich Geld auf dem Konto hatte, obwohl ich Kunden hatte, obwohl rational alles in Ordnung war – da war dieses Gefühl. Diese Enge in der Brust. Diese Stimme, die sagte: Was hast du getan? Geh zurück. Das ist nicht sicher.
Genau darüber sprechen Judith und ich in dieser Folge von Tschüss 9to5. Nicht über Finanzpläne oder Sparquoten. Sondern über das, was Geld wirklich mit uns macht – und warum die Sicherheit, an der sich so viele festhalten, oft viel brüchiger ist, als wir denken.
Geldangst ist der größte Gründungsblocker und der am wenigsten hinterfragte
Laut dem KfW-Gründungsmonitor 2025 sind finanzielle Risiken das stärkste K.O.-Kriterium bei Gründungsvorhaben. Wer Angst vor finanziellem Risiko hat, bricht seine Gründungspläne 1,6-mal häufiger ab.
73 % der Deutschen, die sich keine Selbstständigkeit vorstellen können, nennen als Hauptgrund die Angst vor finanziellen Risiken. Vier von fünf der größten Gründungshemmnisse drehen sich ums Geld.
Das Interessante daran: Die KfW hat auch herausgefunden, dass Finanzwissen ein echter Hebel ist. Je besser Menschen ihr eigenes Finanzwissen einschätzen, desto seltener haben sie diese Ängste. Geldangst ist also oft keine Reaktion auf echte Gefahr. Sie ist eine Reaktion auf Unwissen.
Und das hat Gründe. In deutschen Familien ist Geld eines der größten Tabuthemen. Man redet nicht darüber, was man verdient. Man redet nicht darüber, wenn es eng wird. Es gibt sogar den hartnäckigen urbanen Mythos, dass man Kollegen nicht sagen darf, was man verdient, was rechtlich schlicht nicht stimmt, aber so tief sitzt, dass kaum jemand ihn hinterfragt.
Die Angst ist nicht das Geld selbst. Die Angst ist das, was wir als Kind über Geld gelernt haben. „Geld verdient man nicht einfach so.“ „Sei froh, dass du überhaupt einen Job hast.“ „Sicherheit geht vor.“ Diese Sätze steuern unsere Entscheidungen – ohne dass wir es merken.
Das Märchen von der sicheren Festanstellung
Jetzt kommt der Teil, der wehtut.
Im Jahr 2024 wurden allein in der deutschen Industrie über 100.000 Stellen abgebaut. Laut einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft geben mehr als ein Drittel der Unternehmen an, weitere Stellen abbauen zu wollen.
Und das sind keine kleinen Klitschen:
- VW streicht bis 2030 insgesamt 35.000 Arbeitsplätze – die jahrzehntelange Beschäftigungsgarantie wurde im September 2024 aufgekündigt, betriebsbedingte Kündigungen sind ab Juli 2025 möglich
- SAP baut bis zu 10.000 Stellen um
- Deutsche Bahn will 30.000 Verwaltungsjobs loswerden
- Bayer, Bosch, ThyssenKrupp, ZF, Evonik – die Liste hört nicht auf
Stell dir vor: Du hast dein ganzes Berufsleben auf eine Beschäftigungsgarantie gebaut. Über 30 Jahre lang. Und plötzlich ist sie weg.
Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit in Deutschland liegt bei etwa elf Jahren. Das heißt: Die meisten Menschen verlieren im Laufe ihres Lebens drei-, vier-, fünfmal ihre Einkommensquelle. Jedes Mal von vorne anfangen. Jedes Mal die Kontrolle abgeben.
Jetzt dreh das mal um. Eine Selbstständige mit fünf Kunden verliert einen davon. Das ist unangenehm, klar. Aber sie hat immer noch vier. Ihr Einkommen ist verteilt. Ihr Know-how gehört ihr. Ihr Netzwerk gehört ihr. Niemand kann ihr kündigen.
Das ist nicht Selbstständigkeit schönreden. Das ist das Wort „Sicherheit“ ehrlich betrachten.
Unsere Beziehung zu Geld und woher sie kommt
In der Folge frage ich Judith ganz direkt: Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du eine Beziehung zu Geld hast?
Für viele von uns ist Geld nie wirklich ein Thema gewesen – nicht weil genug da war, sondern weil es schlicht nicht vorkam. Kein Gespräch, kein Erklären, kein Hinterfragen. Und genau diese Leerstelle formt uns.
Die meisten Menschen, die nicht gründen, obwohl sie es wollen, halten fest, weil sich Loslassen gefährlich anfühlt. Nicht, weil es gefährlich ist. Unsere Geldmuster werden in der Kindheit geprägt. Wir übernehmen Sätze, Ängste, Überzeugungen. Und wir hinterfragen sie fast nie.
Der Unterschied zwischen „Ich kann mir das nicht leisten“ und „Ich entscheide mich dagegen“ ist kleiner als wir denken und gleichzeitig riesig.
Und noch etwas, das Judith in der Folge anspricht: Es gibt Menschen, die brauchen immer eine bestimmte Summe auf dem Konto, die sie nicht anrühren. Nicht weil sie etwas damit planen, sondern weil das ihre Null ist. Ihr Sicherheitsgefühl. Das ist kein Fehler. Das ist eine Geschichte. Und Geschichten kann man umschreiben.
Nebenbei starten – mit Netz und doppeltem Boden
Ein Punkt, der viele überrascht: 2024 haben sich laut KfW-Gründungsmonitor 585.000 Menschen in Deutschland selbstständig gemacht – davon 382.000 im Nebenerwerb. Die große Mehrheit kündigt also nicht und springt. Sie fangen nebenbei an. Und 73 % von ihnen sagen, dass sie mit ihrem Haushaltseinkommen gut zurechtkommen.
Das DIW hat außerdem festgestellt, dass Selbstständige mit höherer Qualifikation im Durchschnitt mehr verdienen als vergleichbare Angestellte.
Das heißt nicht, dass Selbstständigkeit automatisch mehr Geld bedeutet. Aber es heißt: Wer gut ist in dem, was er tut, und bereit ist, unternehmerisch zu denken, hat eine reale Chance.
Dabei sein, wenn es konkret wird
Bei OfficeLab begleiten wir virtuelle Assistentinnen genau in dieser Phase – beim Start, beim Preise setzen, beim ersten Kunden, bei der Angst, eine Rechnung zu schreiben. Nicht in der Theorie. Mit echter, individueller Unterstützung, die dich wirklich weiterbringt.
Manchmal hilft es einfach, jemanden zu haben, der nachhakt. Der die richtigen Fragen stellt. Der mit dir zusammen hinschaut, was wirklich da ist.
→ officelab.work
Der Geld-Ehrlichkeits-Check: 5 Fragen in 20 Minuten
Nimm dir 20 Minuten. Stift und Papier, nicht das Handy. Und beantworte diese fünf Fragen so ehrlich wie möglich:
1. Was ist die kleinste Summe, mit der du einen Monat überleben könntest? Nicht dein Wunschgehalt. Dein echtes Minimum. Miete, Essen, Versicherung, das Nötigste. Schreib die Zahl auf. Die meisten Menschen überschätzen diesen Betrag massiv.
2. Wovor genau hast du Angst, wenn du an Geld und Selbstständigkeit denkst? Sei konkret. Nicht „Ich hab Angst, kein Geld zu haben.“ Sondern: Was genau würde passieren? Wer würde was denken? Was wäre der Worst Case? Und dann: Wie realistisch ist der wirklich?
3. Welchen Satz über Geld hast du als Kind am häufigsten gehört? Schreib ihn auf. Lies ihn laut vor. Und frag dich: Stimmt der eigentlich? Oder ist das eine Geschichte, die ich nie hinterfragt habe?
4. Wie viele Einkommensquellen hast du gerade? Wenn die Antwort „eine“ ist – also dein Arbeitgeber – dann hast du gerade die unsicherste aller Einkommenssituationen. Nicht die sicherste.
5. Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du finanziell nicht scheitern kannst? Nicht was ist realistisch. Was würdest du tun? Schreib das auf. Und schau dir dann den Abstand an zwischen dem, wo du jetzt stehst, und dem, was du willst.
Der Punkt ist nicht, dass du nach diesen 20 Minuten kündigst. Der Punkt ist, dass du anfängst, deine Geldgeschichte als das zu sehen, was sie ist: eine Geschichte. Und Geschichten kann man umschreiben.
Wenn du dich da wiedererkennst: Du bist willkommen.
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